... wollte ich heute ein Kuchenrezept aufschreiben. Es geht nicht.
Ich habe lange überlegt, ob ich dieses Thema hierher hole. Aber es ist wichtig.
Ich hoffe, ich finde die richtigen Worte.
Seit gestern beschäftige ich mich mit den ganz alltäglichen Belästigungen, denen Frauen und Mädchen ausgesetzt sind, einfach nur, weil sie weiblich sind und sich im öffentlichen Raum bewegen. Ich kenne fast keine Frau, die solche Erfahrungen nicht schon selber gemacht hat. Es geht nicht um die schweren, strafbaren Fälle sondern um ganz "normale" Begebenheiten.
So "normal", dass viele Frauen zunächst meinen, ihnen passiert doch so etwas nicht. So "normal", dass vieles gleich wieder vergessen oder verdrängt wird. So "normal", dass wir ganz automatisch bestimmte Verhaltensregeln befolgen, um Belästigungen bloß keinen Raum zu geben. Und dennoch passiert es tagtäglich.
Dieser Artikel war der Auslöser dafür. Seit heute Nacht schreiben auf Twitter unzählige Frauen unter dem Stichwort (Hashtag genannt) "Aufschrei" ihre Erfahrungen auf. Es zieht Kreise. Und wird es hoffentlich weiter tun. Um wachzurütteln. Um Hinzuschauen. Um zu helfen.
Meine persönlichen Erfahrungen:
Bestimmte Gegenden vor allem nachts meiden.
Nur zu zweit unterwegs sein.
In der Jackentasche den Schlüssel zwischen den Fingern halten.
Reizgas dabeihaben.
Nicht lächeln, damit es nicht als Aufforderung gesehen wird.
"Lach doch mal!"
Schuhe kaufen, die nicht auf dem Gehweg klappern.
Einen falschen Ehering tragen.
Um jemanden loszuwerden, sagen, ich träfe mich hier mit meinem Freund.
Um jemanden loszuwerden, sagen, ich fahre zu meinem Freund.
Um jemanden loszuwerden, sagen, das da drüben wäre mein Freund.
Lieber nicht das enge Shirt anziehen.
Ganz bewusst eine Fahrlehrerin wählen.
Fiese Bemerkungen über meinen Körper hören müssen.
In der vollen Bahn ganz zufällig begrapscht werden.
Eher von einer Party gehen, damit ich Aufdringlichkeiten entkomme.
Im Schwimmbad ein Handtuch umhängen.
Nachts das Telefon abstellen.
Abends nicht mehr an die Tür gehen.
Von einem Fahrradfahrer im Vorbeifahren eklige Dinge gesagt bekommen.
Einen Umweg nehmen, nur um nicht schon wieder an der Baustelle vorbeigehen zu müssen.
Im Hauseingang vor einem Mann mit offener Hose stehen.
In der Bahn plötzlich eine bestimmte Zeitschrift auf den Knien liegen haben.
Dem Postboten, der immer an bestimmte Körperstellen starrt, nicht die Tür öffnen.
Nur ein paar ganz normale Fälle. Ja, damit bin ich aufgewachsen und es dauert bis heute an. Ich bin kein Mäuschen und kann mich behaupten. Ich bin nicht komisch und auch nicht schuld daran. Ich habe kein Trauma und auch keinen Knacks davongetragen. Ich stelle auch niemanden unter Generalverdacht. Aber das alles muss doch nicht sein.
Aber als ich vor ein paar Jahren erfuhr, dass ich eine Tochter bekomme, dachte ich fast zuerst an diese Fälle und wie ich es schaffe, mein Kind davor zu beschützen. Ich werde ihr Verhaltensregeln mit auf den Weg geben müssen.
Ganz normal?
Kein Kuchenrezept heute. Und keine Kommentare.
Weitere Stimmen: hier, hier, hier, hier und hier. Auch im ZDF und auf Spiegel.de.
Wer möchte, kann seine Erfahrungen auf dieser Seite aufschreiben, auch anonym.
(Die minütlich einlaufenden Geschichten machen sprachlos.)
Nachtrag: Ich habe viele, viele Artkel in den letzten Tagen zum Thema gelesen. Wichtige, richtige und mutige Texte. Teilweise kippte die Stimmung und Frauen wurden als "selbst schuld" bezeichnet, sie sollen sich "nicht so haben" und ihnen wurde geraten "sich zu wehren" und auch mal "ordentlich zuzuschlagen". Dazu sage ich: Warum soll ich jemanden schlagen und damit wiederum Gewalt ausüben? Macht es die Sache besser? Warum muss das überhaupt nötig werden? Warum werde ich als friedliebende Person zur Gegengewalt gezwungen?
Es hieß auch, Frauen sollten "es mit Gesprächen versuchen". Wenn mich ein unangenehmer Mensch belästigt, möchte ich da so schnell wie möglich weg und ihn nicht noch in ein Gespräch verwickeln. Meist sind diese Personen für vernünftige Worte nicht gerade empfänglich. Und manchmal ist der Mensch, der mir im Vorbeigehen etwas Beleidigendes zugeraunt hat, schon längst über alle Berge, ehe ich überhaupt kapiert habe, was da gerade passiert ist.
Und noch etwas: ich werde nicht nur meiner Tochter Verhaltensregeln an die Hand geben, sondern natürlich auch meinen Söhnen.
Und hier ein wunderbarer Beitrag eines Mannes dazu. Hut ab! Und dankeschön!
